Ein beißender Gestank war das Erste, was mein Bewusstsein begrüßte. Eine Mischung aus feuchtem Moos, getrocknetem Blut und einem scharfen Uringeruch. Ich versuchte, mir über die Nase zu wischen, doch meine Bewegung wurde abrupt gestoppt. Meine Arme fühlten sich viel zu kurz an, und mein Rücken war in einem unnatürlichen Winkel gekrümmt. Der moosbedeckte Höhlenboden befand sich erschreckend nah vor meinem Gesicht.
Ich öffnete die Augen. Das bläuliche Licht der Höhlenwände enthüllte zwei kleine, hellbraun behaarte Beine mit winzigen Krallen, die auf dem feuchten Stein standen.
Moment mal.
Ich versuchte zu fluchen, doch der Laut, der aus meiner Kehle kam, verriet jegliche Würde, die ich als erwachsener Mann besessen hatte.
"Arf?"
Der Laut war schrill und erbärmlich. Ich taumelte rückwärts und stolperte über meine eigenen Beine.
Moment. Wieso waren es plötzlich vier?!
Ich fiel direkt vor einer Wasserpfütze auf den Hintern. Die ruhige Oberfläche spiegelte eine brutale Wahrheit wider.
Viel zu große Fledermausohren. Hervorquellende Augen, die aussahen, als würden sie gerade eine existenzielle Krise durchleben. Eine kleine, zitternde Schnauze.
Das war nicht irgendein Hund.
Das war Biscuit, der Chihuahua meines Bosses.
Meine Erinnerungen wirbelten plötzlich schmerzhaft durcheinander. Die Explosion der Abyss-Anomalie an jenem Tag... der stechende Energiestoß, der meinen ganzen Körper taub gemacht hatte. Biscuit war in das Gate geschleudert worden, das wie ein schwarzes Loch aussah. Dummerweise hatte sich die Leine dieses nervigen Hundes noch immer fest um mein Handgelenk gewickelt.
Als die Anomalie Biscuits Körper gewaltsam hineinzog, traf ein gewaltiger Energiestoß meinen Arm. Der Schmerz fühlte sich an, als würde er meine Seele zerreißen.
Danach wurde meine Sicht schwarz und mein Bewusstsein verschwand vollständig.
[Systemwarnung]
[Neustart abgeschlossen. Verbindung zum Erdserver: FEHLGESCHLAGEN.]
[Fataler Fehler: Ursprünglicher Wirt getrennt.]
[Parameter des Erd-Hunters ungültig. Gesetze einer fremden Dimension erkannt.]
[Warnung: Abyssale Anomalie dringt in die Seele des Benutzers ein.]
[Systemwurzel wird neu geschrieben. Abyssale Energie wird assimiliert...]
[Synchronisation der Seele mit dem nächstgelegenen biologischen Wirt: Erfolgreich. (Spezies: Canis Lupus Familiaris - Chihuahua-Mutation).]
Verdammtes System.
Also war nur meine Seele hierhergezerrt worden und in diesem Hund stecken geblieben?
[Statusfenster]
Name: Luke (Wirt: Biscuit) | Level: 1
Körperlicher Zustand: Gesund | Mana: 50/50
Rasse: Abyssal Chihuahua
Stärke: 1 | Beweglichkeit: 6 | Ausdauer: 2 | Intelligenz: 12
Status: Extrem verletzlich. Leicht zu zertreten.
Leicht zu zertreten?!
In meinem vorherigen Leben war ich ein Hunter gewesen, wenn auch nur Rang E. Die Zahl '1' bei Stärke verletzte meinen Stolz.
Wenigstens... funktionierte mein Verstand noch.
Bevor ich den blauen Bildschirm weiter verfluchen konnte, hallte das Geräusch schlurfender Schritte aus dem dunklen Gang vor mir.
Sschrk...
Hust! Sschrk...
Meine Hundenase nahm einen unglaublich intensiven Geruch wahr.
Aus den Schatten trat eine Gestalt hervor. Sie war abgemagert, ihr Rücken stark gekrümmt und ihre grüne Haut voller Falten und Schorf.
Ein Goblin.
Aber kein wilder Goblinkrieger. Dieser hier war ein alter Goblin, der hustete und sich auf ein Stück verwitterten Oberschenkelknochen stützte.
Goblins waren niemals allein. Das gehörte zum Grundwissen, das jeder kannte.
Doch der alte Sack vor mir war räudig, hinkte und war mit alten Narben übersät. Offensichtlich ein Ausgestoßener. Ein verkrüppelter Ältester, den seine Gruppe zurückgelassen hatte, damit er in dieser Höhle verrottete.
Seine halb blinden gelben Augen richteten sich auf mich. Er schnaubte rau, während seine Nase zuckte und meinen Geruch aufnahm. Speichel tropfte auf den moosbedeckten Steinboden. Beim Anblick des kleinen pelzigen Snacks, der plötzlich in seinem Unterschlupf aufgetaucht war, wurde er vollständig von seinem Hungerinstinkt beherrscht.
Mit zitternder Hand hob er ein stumpfes Messer aus einem gezackten Knochensplitter.
Mein Instinkt schrie mir zu, wegzulaufen, doch bevor ich mich umdrehen konnte, schwang er die Klinge.
Ich versuchte auszuweichen, vergaß dabei jedoch, dass meine Beine jetzt kaum länger als ein Zeigefinger waren.
Srrt!
Das Messer ritzte meine Hüfte auf.
Ein stechender Schmerz brannte durch meine Nerven. Ich wurde weggeschleudert, rollte über den moosigen Steinboden und prallte gegen die Höhlenwand.
Mir stockte der Atem.
Bevor ich wieder aufstehen konnte, packte mich eine dürre, raue Hand am Hals und hob mich in die Luft.
Ich strampelte und bekam keine Luft mehr. Das Messer in seiner linken Hand hob sich, bereit, meinen Bauch aufzuschlitzen.
Nein!
Ich wollte nicht auf so lächerliche Weise als Hund sterben!
In blinder Panik wehrte ich mich mit aller Kraft und schlug wild mit meinen Krallen nach seinem Gesicht. Eine meiner winzigen Krallen bohrte sich zufällig direkt neben sein gelbes Auge.
Der Goblin kreischte heiser auf.
Er ließ meinen Hals los und taumelte rückwärts, während er sich das Gesicht hielt. Halb blind und von Schmerzen überwältigt trat er auf glitschiges Moos.
Sein Fuß rutschte weg.
Er stürzte heftig auf den Rücken und sein Kopf schlug mit einem schrecklichen Knack gegen einen Stein.
Er blieb benommen liegen.
Mit meiner letzten Kraft und Blut, das aus meiner Hüfte tropfte, stürzte ich mich auf ihn und schlug meine Zähne in seinen faltigen Hals.
Ich verbiss mich darin und weigerte mich loszulassen, selbst als er sich wehrte und auf mich einschlug.
Schließlich riss eines seiner großen Blutgefäße.
Der grüne Körper hörte auf, sich zu bewegen.
Verdammtes Glück.
Keuchend löste ich meinen Biss.
Vor mir lag ein toter Goblin...
Getötet von mir.
[Ziel neutralisiert: Goblin (Greis) - Level 9]
Moment mal... wenn meine Seele hier war, was war dann mit meinem ursprünglichen Körper geschehen?
War er von dieser Anomalie vollständig verschlungen und zerstört worden?
Mein Kopf begann schmerzhaft zu pochen. Ich schüttelte meinen winzigen Kopf und versuchte, die aufkommende Panik zu vertreiben.
Es brachte nichts, jetzt darüber nachzudenken.
Meine oberste Priorität war simpel: überleben.
Ein neues Benachrichtigungsfenster erschien.
[Einzigartige Fähigkeit freigeschaltet]
Abyssaler Parasit (Rang unbekannt): Fähigkeit, einen Bewusstseinssamen in den Körper einer kürzlich verstorbenen Kreatur einzupflanzen. Der Wirt wird als Vasall wiederauferstehen.
Ich las die Zeilen des blauen Textes.
Auf der Erde gehörten Hunter mit Fähigkeiten der Klassen Nekromantie oder Puppenspiel zu den Eliteberufen, deren Leben praktisch garantiert von Reichtum erfüllt war.
In dieser Hölle?
Zumindest gab mir diese Fähigkeit eine Chance, heute Nacht nicht als Monsterkot zu enden.
Ohne Zeit zu verschwenden, kroch ich auf den noch warmen Leichnam des Goblins zu. Dickes grünes Blut verschmierte mein braunes Fell.
Zeit für ein Experiment.
'Erhebe dich,' murmelte ich in Gedanken und konzentrierte mich auf die Fähigkeit.
Ein fremdes, kaltes Gefühl strömte aus der Tiefe meiner Brust und kroch hinab bis in meine Vorderpfoten.
Eine schwach leuchtende Masse aus schwarzvioletter Energie, wie ein schmelzender giftiger Schatten, sickerte aus meinen Pfotenballen. Sie glitt über das Moos auf dem Steinboden und drang anschließend durch die klaffende Wunde am Hals des alten Goblins in dessen Körper ein.
Mein Körper zuckte zurück, als die Energie vollständig verschwunden war.
Eine mentale Verbindung entstand.
Es fühlte sich nicht an, als würde ich ihn mit Gewalt kontrollieren.
Es war... tiefer.
Eine Dominanz, die direkt in sein Bewusstsein eingebrannt war.
Unter dem Knirschen von Knochen reagierte der Goblin-Vasall.
Er erhob sich.
Seine Bewegungen waren nicht steif. Seine Schultern waren noch immer leicht gebeugt, genau wie zu Lebzeiten.
Ohne auf ein Zeichen von mir zu warten, hob er sein Knochenmesser vom Boden auf und senkte dann den Blick zu mir.
Seine Augen wanderten kurz durch die Umgebung, als würde er sie einschätzen, bevor sie wieder auf mich zurückkehrten.
Wartend.
[Wirt #1 erfolgreich gebunden]
Spezies: Goblin (Greis)
Integrität des Gefäßes: Kritisch (Warnung: Wird das Gefäß zerstört, geht der Wirt dauerhaft verloren).
Beim Anblick des Fensters entwich meiner Hundeschnauze ein leises Schnauben.
Die tödliche Wunde an seinem Hals hatte die Integrität dieses Leichnams bereits schwer beschädigt, aber fürs Erste reichte es.
Plötzlich begann mein Hundekörper in der Kälte der Höhle zu zittern.
Mein Magen knurrte laut.
Mein Kopf pochte heftig und für einen Moment verschwamm meine Sicht. Etwas in meinem Inneren war schlagartig beinahe vollständig aufgebraucht worden und hinterließ eine unangenehme Kälte in meiner Brust.
Der starke Blutgeruch dieses Kampfes würde schon bald andere Raubtiere anlocken.
Ich ging tiefer in die Dunkelheit des Höhlengangs hinein.
Der alte Goblin reagierte sofort.
Er ging neben mir her, während seine wachsamen Augen jeden dunklen Winkel vor uns absuchten.
Dieser Ort war noch nicht sicher.
Zeit, weiterzuziehen.

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